Die Hochzeit der Chani Kaufman von Eve Harris

10.03.2017 15:28

Ein Buch das vier, für mich sehr gute Gründe liefert es zu lesen. Erstens: Es geht um das Thema Judentum. Zweitens: Genauer geht es um den Chassidismus, der mystischen Bewegung aus dem osteuropäischen Raum. Der dritte Grund, der 464 Seiten starke Roman ist im September 2015 im Diogenes-Verlag erschienen. Der letzte und vierte gute Grund sind die vielen positiven Stimmen.

 

Inhalt:
Die 19-jährige hat Baruch Levy nur dreimal gesehen, ihn weder geküsst noch berührt, trotzdem wird sie ihn heiraten. Baruch ist angehender Rabbiner, er und Chani leben in einer Welt voller Regeln und Rituale. Ist es in dieser Welt überhaupt möglich eine glückliche Ehe zuführen und sich ineinander zu verlieben?

 

Meine Meinung:
Wie der Titel vermuten lässt, dreht es sich in diesem Roman nicht nur um Chani Kaufman. Die Hochzeit ist nur der Dreh-und Angelpunkt. Vielmehr verfolgt der Leser vier Mitglieder, der in London ansäßigen chassidistischen Gemeinde. Natürlich lernt der Leser, die aufgeweckte und manchmal sehr tollpatschige Chani und den besonnen, interessierten Baruch näher kennen. Aber auch die Rebezzin Rivka und ihr bereits erwachsener Sohn Avromi werden im Laufe des Buches ihre eigene Geschichte erzählen. Interessant war dabei zu erfahren wie unterschiedlich all diese Figuren mit ihrem Glauben umgehen. Ich muss zugeben, das mich die Geschichten von Rivka und Avromi etwas  mehr gereizt haben, als die von Chani und Baruch.
Wie das Buch aus den unterschiedlichsten Perspektiven erzählt wird, (die Perspektiven wechseln auch immer mal im Kapitel, aber das wird in der Kapitelüberschrift verdeutlicht), so wechseln auch die Zeitebenen.
Der flüssige, fast schon zu leichte Schreibstil, hat mich aber schnell und sehr gut in die Handlung hineinfinden lassen. Eve Harris schafft es sehr gut verschiedenste Problematik, die mit dem Chassidismus verbunden sind anzuschneiden und ein Stück weit einzuführen. Die wichtigsten Themen sind der Umgang, mit der Frau mit all seinen Regeln und Traditionen. Ein anderer Schwerpunkt ist Liebe, Sexualität und Beziehung. Für mich war aber der interessanteste Punkt beim Lesen, was bewegt einen Menschen dazu, sich für eine so sehr geregelte religiöse Strömung zu interessieren, wie den Chassidismus. Obwohl an dieser Stelle einmal angemerkt werden sollte, diese Gemeinde ist Verhältnismäßig noch sehr offen, es gibt auch noch strengere Gemeinden, in denen Frauen unter anderem als „Gebärmaschienen“ betrachtet werden.
Anhand dieser Themenauswahl, merkt man Eve Harris ihren persönlichen Hintergrund an. Sie hat polnisch-israelische Eltern und zwölf Jahre an jüdisch-orthodoxen Mädchenschulen gearbeitet. Gelobt werden muss der sehr ausführliche Glossar am Ende des Buches, die jiddischen und hebräischen Begriffe werden dort sehr gut erklärt.
Ein kleiner Punkt hat mich dann doch etwas gestört, die Handlung an sich ist mir zeitweise zu konstruiert. Ich hatte öfter diesen „Ja-ist-schon-klar-Moment“. Dies nimmt den Roman ein wenig seine Ernsthaftigkeit.

‚Die Hochzeit der Chani Kaufman‘ ist ein gelungener Debütroman, der den Leser behutsam in die fremde Welt des Chassidismus einführt.

 

Links zum Buch:
Diogenes: ‚Die Hochzeit der Chani Kaufman
Genialokal: ’Die Hochzeit der Chani Kaufman