Die Welt von Gestern von Stefan Zweig

06.03.2017 12:49

Ich hatte mir noch am 24. Dezember nach dem begeisterten Genuss von Zweigs ‚Schachnovelle‘ das ebenfalls kostenfreie E-Book von Kindle herunter geladen. Parallel dazu kaufte ich mir im Januar auch die wunderschöne gebundene Ausgabe aus dem Inselverlag. Im Februar ließ ich mich auf die Lektüre ein.
Ich griff abwechselnd zu beiden Varianten, damit ich immer und überall lesen konnte.
Die gebundene Ausgabe hat 500 Seiten einschließlich eines umfassenden Personenregisters. Die Kindleausgabe hat etwa 486 Seiten, die unterschiedliche Seitenzahlen kommt durch unterschiedliche Formatierungen zustande und nicht etwa durch Inhaltsverlust. Erstmals erschien die Autobiografie postum 1942.

 

Inhalt:
Hier möchte ich euch ausnahmsweise einmal die Inhaltsangabe vom Inselverlag zitieren, die fasst alles viel besser zusammen als ich es je könnte: „»Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat.«Es ist eine Welt von Gestern, die Stefan Zweig heraufbeschwört: das Wien der 1920er Jahre, das »goldene Zeitalter der Sicherheit«, das von einer Stimmung des Aufbruchs und der kulturellen Freiheit beflügelt war. Diese Zeit endete, als sich in den 1930er Jahren die Schatten des Faschismus über Europa legten. Zweig ging ins Exil, doch seine Erinnerung an die Welt von Gestern blieb.“

 

Meine Meinung:
Selten hat mich ein Text so sehr zum Nachdenken gebracht, wie ‚Die Welt von Gestern‘. Der Untertitel ‚Erinnerungen eines Europäers‘ schlägt allein schon auf erschreckende Art und Weise einen Bogen zu heutigen Weltpolitik. Auch wenn Zweig in einer noch viel freieren Welt erwachsen wurde. Die erste Zeit in seinem Leben, gab es Grenzen nur auf Landkarten um anzuzeigen wo ein Land endet und das Nächste beginnt. Eine Zeit in der es egal wer man war und woher man kommt, eine Zeit in der es keine Pässe gab, eine Zeit in der es durchaus normal fünf Sprachen fließend zusprechen. Wenn man das heute so liest, dann denkt man die Welt war damals ein Paradies, aber dem war nicht so Stefan Zweig hatte sehr viel Glück mit der Familie in die er geboren wurde, aber das ist ihm auch bewusst gewesen. Sein Leben weit aber durchaus Parallelen zu unserer Lebensweise auf, bzw zu der von vor drei bis fünf Jahren.

Denn so erzählt er in den ersten drei bis vier Kapiteln, ausführlich über die Welt, in der er erwachsen wurde, von der Rolle der jüdischen Gesellschaft in der Wiener-Gehobeneren-Gesellschaft, weiter zu dem damaligen Schulsystem mit den kindlichen Verehrungen für Wienerhofschauspieler, bis hin zu dem Frauenbild der damaligen Zeit. Die ersten Kapitel brauchten auch für mich etwas Zeit zum Wirken und sich setzen lassen, erst im Laufe der Zeit gelang es mir mehrere Kapitel hintereinander zu lesen. Dementsprechend lange habe ich auch gebraucht und das war auch nötig.
Obwohl es sich hier um ein autobiografisches Werk handelt nimmt sich Stefan Zweig sehr zurück. Während des Lesens erfährt man kaum etwas über den privaten Stefan Zweig, seine Familie, seine Ehen oder andere Angehörige. Ich denke mal er wollte damit seine Liebsten schützen. Zudem war sein Charakter sehr bescheiden, ihm war es zuwider im Rampenlicht zu stehen.

Wir erleben einen Stefan Zeig der mit einer inbrünstigen Leidenschaft von seinem Leben als Europäer berichtet, wie er zu dem Schriftsteller geworden, den wir heute kennen. Immer wieder berichtet er von Freundschaften zwischen ihm und bekannten Persönlichkeiten. (Ich persönlich kannte nicht einmal ein viertel der Namen) Zu seinen engsten und besten Freunden zählen unter anderem Reiner Maria Rilke, Siegmund Freud. Seine Bekanntschaften beschreibt Zweig so intensiv, das ich beim Lesen immer das Gefühl man lernt die Person höchstselbst zu kennen.
Die Sprache ist sehr dicht und poetisch, gleichzeitig aber auch sehr klar und direkt, nüchtern da wo es angebracht ist. Die Kriege werden sehr bedrückend und kalt geschildert. Allein durch die Sprache gibt er sehr viel mehr vom innern Zweig preis, als es im ersten Moment den Anschein haben mag.

‚Die Welt von Gestern‘ ist ein Text den ich auf der Straße jedem in Hand geben möchte, mit den Worten ‚Du musst es lesen!‘ In der naiven Hoffnung die Welt ein Stückchen weit so vor ihrem drohenden Untergang zu bewahren. Nichts desto trotz weis ich doch das ich das Werk noch viele male Lesen muss um es bis zum Letzten zu verstehen, vielleicht wird mir dies auch nie gelingen…

 

 

Links zum Buch:
Insel Verlag: ‚Die Welt von Gestern‘ (gebundene Ausgabe)
Amazon: ‚Die Welt von Gestern‘ (kostenlose Kindleausgabe)
Genialokal: ‚Die Welt von Gestern‘ (gebundene Ausgabe)
Doku Youtube: ‚Ein Europäer von Welt‘ (Nur über PC abspielbar!)