Hier bin Ich von Jonathan Safran Foer

10.02.2017 11:21

Ich glaube Mitte Dezember war es, als ich erfuhr, das Jonathan Safran Foren in Berlin eine Lesung halten wird. Motiviert dadurch las ich erst sein früheres Werk ‚Extrem laut und unglaublich nah‘. Zudem Roman existiert bereits eine Rezension. Als ich dieses tolle Buch beendet hatte, begann ich im nächsten Moment ‚Hier bin ich‘.
Die Lesung im großen Sendesaal von Radioeins rundete das gesamte Lesevergnügen ab. Auch wenn es mir den Tag nicht so gut ging, wie ich es mir gewünscht hätte. Dadurch wird es auch keinen extra Blogeintrag geben.
Eins kann ich sagen, es war beeindruckend wie viel Menschen zu dieser Lesung gewandert sind. Der sehr witzige und doch sehr schüchtern Nathan Safran Foer war sichtlich überfordert mit diesen vielen Menschen, die wegen ihm gekommen waren.
Kommen wir erst einmal zu den Eckdaten: Der Roman ist im November 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und hat 688 Seiten in der gebundenen Ausgabe.

 

Inhalt:
Vier Wochen die das Leben Jacob Bloch und seiner Familie völlig verändern. Er und seine Frau wollen sich scheiden lassen, aber wie soll man dies anstellen, ohne das die Kinder darunter leiden vor allem dann, wenn die Bar Mitzwa des Ältesten kurz bevor steht und die gesamte Verwandtschaft aus Israel anreist. In dem Moment als die lieben Verwandten landen bricht in Israel und seinen Nachbarstaaten ein schweres Erdbeben aus. Die Frage nach dem Wer bin ich und wo gehöre ich hin, stellt sich für alle beteiligten noch einmal ganz neu.

 

Meine Meinung:
Wer einen Roman von Jonathan Safran Foer liest der muss mit sehr eigenen Charakteren rechnen, die sehr gut und feinfühlig ausgearbeitet wurden. Dieser Roman besticht mit seinen drei Protagonisten Jacob und Julia Bloch, sowie deren Sohn Sam. Die Kapitel werden aus unterschiedlichen Sichten der Drei erzählt. Als Leser lernt man so sehr gut nicht nur die Innensicht der jeweiligen Figur kennen, sondern auch wie die Beziehung zu den anderen Familienmitgliedern. Jacob hat zum Beispiel eine sehr unterkühlte Beziehung zu seinem Vater, fürchtet sich ein wenig vor seiner Frau Julia und seinem Sohn Sam gegenüber möchte er der coole, lockere Dad sein, nur wer ist er für sich selbst das muss er noch herausfinden. Diese Zerrissenheit macht Foer noch einmal an dem Bibelbild der Opferung Isaaks deutlich.
Für Alle die damit gar nichts anfangen können, hier noch einmal in aller Kürze: Abraham wird von Gott angewiesen seinen Sohn Isaak zu opfern. Als Abraham Gott Ansicht sagt dieser ‚Hier bin Ich‘. Als Issak bemerkt das etwas ganz und gar nicht stimmt, spricht er seinen Vater Abraham an und auch dieser antworten ‚Hier bin ich‘.(Mos. 1,22)
Der Wunsch voll und ganz für Alles, Jeden und sich dazu sein zieht sich durch das gesamte Buch. Daraus entstehen nur allzu oft Situationen, die unseren heutigen Normen und Werte sehr gut wieder spiegeln.
Die Dialoge die sich entspinnen sind sehr oft sehr witzig, gleichzeitig tiefsinnig und regen zum Nachdenken an. Einige dieser Dialoge könnten auch so bei meiner Familie am Esstisch geführt werden.
Ich mag es, wenn dem Leser ein Mikrokosmos präsentiert wird, der dann noch mal in einzelne Facetten und Stimmungen aufgeschlüsselt wird. In aufschlüsseln und Atmosphäre schaffen ist Jonathan Safran Foer ein wahrer Meister. Dazu muss man wissen der Roman ist in acht Teile unterteilt. Und auch wenn man in dem einen oder anderen Teil denkt, was soll das jetzt, warum erzählt mir das der Autor? So merkt man doch am Ende jedes Teils, momentmal ich habe mich grade genau so gefühlt wie die Figuren in der jeweiligen Handlung. So gibt es eine Situation in der Jacob zum Warten verdammt ist und wirklich nicht viel geschieht. Ich dachte jetzt wird es aber doch etwas langwierig. Am Ende dieses Kapitels merkte ich, das diese Stimmung wohl vom Autor so gewollt war. Dieses Erlebnis hatte ich fasst immer.
Dabei ist der Schreibstil sehr einfach zu lesen, dabei aber nicht blöd sondern eher gehoben, mit vielen großen und kleinen Anspielungen, auf das Judentum, Israel, Politik und die schöne neue Welt. Dieser Facettenreichtum hat den Roman zu einem besonders intensiven Lesegenuss gemacht, von dem es mir bis jetzt schwerfällt mich zu verabschieden.

‚Hier bin Ich‘ ist sicherlich nicht für jeden Leser die richtige Wahl, aber wer großartige Dialoge, ein intensives Leseerlebnis und großartige Figuren mag, mit denen der Leser einen Spiegel vorbehalten bekommt, der wird das Buch lieben.

 

 

 

Links zum Buch:
Kiepenheuer und Witsch: ‚Hier bin Ich
Genialokal: ,Hier bin ich