"Leb, wohl Berlin" von Christopher Isherwood

10.06.2015 10:35

Vor einigen Jahren habe ich das Musical Cabaret geschaut und war begeistert von den Geschichten rund um den Nollendorfplatz Anfang der 30`Jahre. Vor einiger Zeit entdeckte ich im Buchhandel "Leb, wohl Berlin" von Christopher Isherwood. Von dem wunderschönen Cover angezogen und ein paar Klicks später zu Mr Isherwood wusste ich das Buch muss ich haben und es zog in mein Bücherregal ein. Das recht dünne Büchlein mit 272 Seiten ist im Hardcover bei Hoffmann und Campe erschienen.

Inhalt:
Der fotografische Roman "Leb, wohl Berlin" ist eine Sammlung von Geschichten die in Berlin zum Ende der Waimarer Republik spielen. Sie zeigen Personen die versuchen die Bedrohung der Zeit wegzufeiern. Über der Abhängigkeit von  Männern die einander nicht loslassen können, einer großen jüdischen Familie, schwebt der Geist von Sally Bowles.

Meine Meinung:
Nach den ersten fünf Seiten wusste ich brauche Nachschub von Christopher Isherwood und stürmte den nächsten Buchladen. Es zog noch ein Isherwood bei mir ein. Christopher Isherwood der seinem Ich - Erzähler seinem Namen gab, besteht im Vorwort darauf, das es nicht bedingt seine Geschichte ist. Aber Ähnlichkeiten gibt es natürlich :-)
Der Erzählstil ist etwas besonderes, sehr photografisch, poetisch und doch klar strukturiert. Jedes Geschichtenfragment, sei es auch noch so klein, beginnt mit einer szenischen Einführung in das Geschehen, so werden die Handlungsorte zu feinfühlig beschriebenen Kulissen und die Protagonisten zu Marionetten des Lebens. Untergliedert in sechs Fragmente (Kurzgeschichten), die alle mit miteinander vernetzt sind, indem sie aufeinander aufbauen oder parallel zu einer anderen Geschichte spielen. Meistens gibt  der Protagonist nur sehr wenig gefühlsmäßige Einblicke  in sein Inneres, aber durch die Geschehnisse, die so detailreich geschildert werden, empfinde ich als Leser, die Gefühle Isherwoods selber. Es zieht einen also regelrecht in seinen Bann. Vielleicht auch deswegen, weil Christopher Isherwood ein Englishman im Berlin der 30-ziger Jahre war. Der mit seinem neutralen Blick versucht fragmentarisch Handlungen festzuhalten und trotz der aufkommenden Bedrohung durch die Nazis, das Leben zu feiern. (Vielleicht auch weil er sich sicher sein konnte, das ihm durch seine Herkunft nichts passieren wird in Deutschland)
An vielen Stellen wurde das bunte Leben in Berlin so beschrieben, als wäre es Heute zum Beispiel am Kotti im Südblock (Wo ich auch gerne bin.). Auch der Versuch die Dramen des Lebens wegzufeiern und gleichzeitig etwas zu bewegen, ist heute noch genauso wie zu Isherwood`s Zeiten. 


Wer bei "Leb wohl, Berlin" nur die Geschichte von der berühmten Sally Bowles erwartet, wird von diesem Roman enttäuscht sein. Wer aber erfahren möchte wie Berlin Anfang der 30-ziger Jahren, von Lebenskünstlern wahrgenommen wurde, der muss dieses Buch lesen.

 

Links zum Buch:
Hoffmann und Campe: "Leb wohl, Berlin"
Amazon: "Leb wohl, Berlin"